IRIS       MUS OLF
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STATEMENT
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Bodies machen Leute, Ich ist kein Kleid

„An jeder Schönheit ist nur die Wunde ursprünglich, die jeder Mensch in sich hütet, einzigartig, für jeden sichtbar oder versteckt - die er wahrt und zu der er sich zurückzieht, wenn er die Welt für eine vorübergehende, aber tiefe Einsamkeit verlassen will.“1

Die Suche nach einer Form ist für mich keine Suche nach einer schönen Oberfläche.
Konstruktion und Rekonstruktion von menschlichen Körpern als inszenierte Bilder sozialer Rollenträger und Erwartungen beschäftigen mich seit einigen Jahren. Dabei geht es um die Oberfläche als eine faktische Überlagerung von darunter verdeckten Schichten.

„Iris Musolf stellt die Frage nach dem eingeschlossenen Körper. Erinnern wir uns, dass Marcel Duchamp sinngemäß einmal sagte, dass der Künstler seine eigene Braut, und die Künstlerin ihr eigener Bräutigam sei. Damit umriss er einen Kreislauf antagonistischer Kräfte." 2

Auch Vergangenes oder Verdrängtes entsprechen einer überlagerten Schicht, die Basis für aktuelles Handeln oder Geschehen ist. Ich ist im Körper: "Das Vergessen ist die Schere, mit der man fortschneidet, ( ... ) die Erinnerung führt Aufsicht. " (Nach Kierkegaard)
Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bild, was wir von uns selbst haben und auch mit dem Selbstdiktat, das wir uns auferlegen, wenn wir Idealbildern einer Identität folgen und damit durch etwas Äußeres unsere innere Lebendigkeit abtöten. 3
Sprache, Kleidung, Frisur, Schminke, Operationen, Wohnstil, Auto? Mich interessieren die Rollen, die wir spielen, die unterschiedlichen Mutationen zwischen den Ichs, die Schwierigkeit von Selbstbild und Fremdbild als eine Vielzahl von Identitäten. Das Privat - Ich zum Beispiel, das auf dem Weg zur Arbeit ist und sich in das Arbeits - Ich verwandelt, ob wir wollen oder nicht. Wie ein Kleid, das man je nach Anlass wechselt. Daran geknüpft sein kann der gefährliche Glaube, ein interessanterer Mensch zu werden oder sozial aufzusteigen, sich zu optimieren. Der Körper wird zum Projekt von Veränderung. Susie Orbach schreibt in ihrem Buch „Bodies“:

„Success means looking younger every year, as the women in the gym seem to. Success means regulating the body: controlling hungers, desires, ageing and emissions. Success means seeing the body as alifelong work. Success means anticipating faults - physical, medical and aesthetic - and correcting them. But when and if the ordinary processes of the body cannot be sufficiently restrained, which of course they can‘t, the body becomes a source of consternation as well as failure.“ 4

Manchmal funktioniert diese Oberfläche so gut, dass die darunter verborgene Tiefe der eigenen Gefühle, Ängste und Zweifel dazu im Widerspruch zugedeckt werden und unwichtig erscheinen.
Ich möchte den mir bekannten Blick auf die Welt umstülpen. Die Form kann bestenfalls ein Auslöser sein, die bekannte Welt eines Betrachters zu stören. Es ist nicht absehbar, wie die Menschen reagieren, in einem Moment wie zum Beispiel während einer Performance, in dem man sich selbst gegenüber fremd fühlt, in dem die Maske des Selbstschutzes offen zur Schau gestellt wird.





1 Jean Genet: Alberto Giacometti. Verlag Ernst Scheidegger, Zürich 1962.
2 Jean -  Christophe Ammann: Lust, Schmerz, Askese und Ekstase in Beton gegossen. In: Iris Musolf. Sex crime, beasts and tenderness.
Galerie Gilla Lörcher I Contemporary Art, Berlin 2011.
3 Vgl. Corinna Kirchner: Iris Musolf. Nett aber nicht aufdringlich. In: Parasit. Ein Projekt der Klasse Candice Breitz und Studierender des Instituts für Kunstwissenschaft. HBK Braunschweig, 2009.
4 Susie Orbach: Bodies. Profile Books LTD, London 2009.